Wenn globale Risiken gleichzeitig wachsen – vom Krieg und nuklearer Erpressung bis hin zu unkontrollierter KI – klingen selbst symbolische Warnsignale wie ein echter Alarm, berichtet timestuff.de unter Berufung auf reuters.com. Am 27. Januar in Washington wurde die „Doomsday Clock“ noch näher an Mitternacht herangerückt – näher als je zuvor.
Warum die Uhr erneut vorgestellt wurde
Am Dienstag stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Bulletin of the Atomic Scientists die „Doomsday Clock“ vor dem Hintergrund mehrerer Krisen weiter. Als zentrale Gründe nannten sie das aggressive Auftreten der Atommächte Russland, China und der Vereinigten Staaten sowie die Erosion der nuklearen Rüstungskontrolle. Hinzu kommen der russische Krieg gegen die Ukraine, Konflikte im Nahen Osten und ein eigener Block an Sorgen rund um künstliche Intelligenz.
Aus Sicht der Autorinnen und Autoren erhöht diese Kombination das Risiko einer globalen Katastrophe nicht „irgendwann einmal“, sondern bereits im konkreten politischen und militärischen Takt unserer Gegenwart. Genau deshalb, so betont das Bulletin, bewegen sich die Zeiger nicht wegen eines einzelnen Ereignisses, sondern wegen eines ganzen Bündels an Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken. Die Entscheidung ist damit ein weiteres Signal: Die Welt rutscht in eine Phase gefährlicher Instabilität.
85 Sekunden vor Mitternacht: Was der neue Stand bedeutet

Der neue Stand lautet: 85 Sekunden vor Mitternacht, also vor dem theoretischen „Punkt der Vernichtung“. Das sind vier Sekunden näher als im Vorjahr. Bei der „Doomsday Clock“ sind selbst wenige Sekunden keine Symbolik am Rand, sondern ein öffentliches Warnzeichen für steigendes Gesamtrisiko.
Eingeführt wurde der Indikator bereits 1947: Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Welt im Druck der frühen Phase des Kalten Krieges. Die Idee war einfach – der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, wie nahe die Menschheit einem Szenario der Selbstzerstörung kommt. Heute, wo Bedrohungen zunehmen und technologisch komplexer werden, wirkt diese Symbolik besonders direkt.
KI, Desinformation und Klima: Eine Triade, die Risiken verstärkt
Die Forschenden warnten ausdrücklich vor den Gefahren einer unregulierten Integration von künstlicher Intelligenz in militärische Systeme. Sie sehen zudem das Risiko, dass KI missbraucht werden könnte, um die Entwicklung biologischer Bedrohungen zu erleichtern. Parallel gilt KI als Verstärker globaler Desinformation – Lügen lassen sich schneller skalieren als überprüfte Fakten.
Zu diesem Paket kommt die chronische Herausforderung des Klimawandels, die trotz Kriegen und geopolitischer Spannungen nicht verschwindet. Entscheidend ist: Diese Risiken füttern sich gegenseitig. Krisen schwächen die Fähigkeit von Staaten, tragfähige Abkommen auszuhandeln, und Misstrauen sowie Manipulation machen Gesellschaften weniger widerstandsfähig. Am Ende können selbst punktuelle Zwischenfälle Kettenreaktionen auslösen.
„Globales Führungsversagen“: Die Position von Alexandra Bell

Alexandra Bell, Präsidentin und CEO des Bulletin, sprach in einem Reuters-Kommentar von einem „globalen Führungsversagen“. Sie warnte, ein neoimperialer Kurs und ein orwellscher Regierungsstil könnten die Zeiger noch weiter Richtung Mitternacht drücken. Das sei nicht auf ein einziges Land oder eine einzelne Regierung beschränkt, sondern eher ein Trend, der sich ausbreitet.
Wichtig ist auch: Es ist bereits das dritte Mal in den letzten vier Jahren, dass die Uhr weiter vorgestellt wurde. Diese Häufung zeigt, dass die Autorinnen und Autoren keinen kurzen Ausschlag sehen, sondern eine anhaltende Verschlechterung. Und während früher vor allem Nukleararsenale im Zentrum standen, ist die Liste der Auslöser heute breiter und komplizierter.
Nukleare Risiken bleiben – und die Regeln werden brüchig
Bell sagte, 2025 habe sich in Bezug auf nukleare Risiken „nichts in die richtige Richtung“ bewegt. Sie beschrieb den Druck auf langfristige diplomatische Strukturen und deren Zerfall. Aus ihrer Sicht ist auch die Gefahr explosionsartiger Nukleartests zurückgekehrt, zudem wachsen Sorgen über nukleare Proliferation.
Bell verwies auf drei militärische Operationen, die unter dem Schatten nuklearer Abschreckung und dem damit verbundenen Eskalationsrisiko stattfanden. Sie sagte offen, das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen sei derzeit extrem hoch. In diesem Kontext wirkt die „Doomsday Clock“ weniger wie eine Metapher – eher wie der Versuch, Politik und Gesellschaft zu zwingen, ohne Selbsttäuschung auf die Lage zu schauen.
Krieg in der Ukraine, Naher Osten und Spannungen in Asien

Als konkrete Brennpunkte nannte Bell den fortdauernden Krieg Russlands in der Ukraine, Bombardierungen Irans durch die USA und Israel sowie Grenzzusammenstöße zwischen Indien und Pakistan. Sie verwies außerdem auf anhaltende Spannungen in Asien, insbesondere auf der koreanischen Halbinsel. Als eigener Faktor wurden Chinas Drohungen gegenüber Taiwan genannt.
Ein weiteres Detail: wachsende Spannungen in der westlichen Hemisphäre seit der Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Amt vor 12 Monaten. In diesem Weltbild gibt es kein einzelnes „Epizentrum“ mehr. Risiken sind regional verteilt – und können sich zu einer großen Eskalation zusammenziehen. Genau das macht die Lage aus Sicht des Bulletin so fragil.
New START am Limit – und Putins Vorschlag
Der letzte verbliebene Atomwaffenvertrag zwischen den USA und Russland – New START – läuft am 5. Februar aus. Im September schlug Russlands Präsident Wladimir Putin vor, sich für ein weiteres Jahr an die im Vertrag festgelegten Grenzen zu halten. Gemeint ist ein Limit von 1.550 stationierten nuklearen Sprengköpfen pro Seite.
Donald Trump gab darauf offiziell keine Antwort. Westliche Sicherheitsanalysten sind uneins, ob man den Vorschlag annehmen sollte. Das ist bezeichnend: Selbst dort, wo es klare „Leitplanken“ gab, wird es zunehmend schwer, auch nur einen Minimal-Konsens zu halten.
Rückkehr zu Nukleartests: Eine gefährliche Versuchung

Im Oktober wies Trump das US-Militär an, den Prozess nuklearer Tests nach einer Pause von mehr als drei Jahrzehnten wieder aufzunehmen. Explosive Nukleartests hat – so heißt es – seit mehr als einem Vierteljahrhundert kein Atomstaat durchgeführt, außer Nordkorea, das zuletzt 2017 getestet hat. Allein die Rückkehr dieses Themas auf die Agenda verändert die Psychologie der Abschreckung.
Bell betonte: Von einer umfassenden Rückkehr zu solchen Tests würde am stärksten China profitieren, weil das Land weiterhin seine nukleare Schlagkraft ausbauen will. Sie sagte das als ehemalige hochrangige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums im Bereich Rüstungskontrolle, Abschreckung und Stabilität. Ihre Einschätzung kommt damit nicht aus der Beobachterperspektive, sondern aus der Praxis.
Ein „aggressiverer und nationalistischer“ Kurs weltweit
Bell beschrieb den Trend so: Russland, China, die USA und andere große Staaten werden zunehmend aggressiver und nationalistischer. Dieses Großmachtdenken nach dem Prinzip „Winner takes all“ untergräbt laut ihr die internationale Zusammenarbeit, die nötig wäre, um nukleare Risiken zu senken. Das gilt ebenso für Klima, Missbrauch von Biotechnologie, Gefahren rund um KI und andere existenzielle Bedrohungen.
Im Text werden zudem Schritte Trumps aufgezählt, die – so die Darstellung – die Weltordnung durcheinandergebracht hätten. Genannt werden die Entsendung von US-Truppen mit dem Ziel, Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro festzunehmen, Drohungen gegenüber anderen lateinamerikanischen Ländern, das Versprechen einer erneuten US-Dominanz in der westlichen Hemisphäre, Aussagen über eine Annexion Grönlands sowie Schritte, die die transatlantische Sicherheitskooperation gefährden. Bell erwähnte außerdem innenpolitische Maßnahmen Trumps gegen Wissenschaft, akademische Einrichtungen, den Staatsdienst und Nachrichtenorganisationen.
Ukraine im Zentrum des nuklearen Drucks: „Oreschnik“ und Belarus

Russland begann 2022 die groß angelegte Invasion der Ukraine, ein Ende ist nicht absehbar. Unter den erwähnten Waffen ist die Hyperschallrakete „Oreschnik“, die nuklear bestückt werden kann. Im Dezember veröffentlichte Russland ein Video, das nach eigener Darstellung die Stationierung von „Oreschnik“ in Belarus zeigt.
Das erklärte Ziel: die Fähigkeit Russlands zu stärken, Ziele in ganz Europa zu treffen. In der Logik der „Doomsday Clock“ wirkt das wie ein weiteres Hochdrehen der Einsätze. Demonstrierte Fähigkeiten mit nuklearem Unterton machen jede Eskalation riskanter – und genau deshalb ist die Ukraine hier nicht „nur ein Konflikt“, sondern ein zentraler Knotenpunkt nuklearer Risiken.
„Informations-Armageddon“: Die Worte von Maria Ressa
An der Verkündung beteiligte sich Maria Ressa, Friedensnobelpreisträgerin 2021, bekannt für journalistische Arbeit über Machtmissbrauch auf den Philippinen und dafür, wie soziale Plattformen zur Verbreitung von Desinformation genutzt wurden. Sie sprach von einem „Informations-Armageddon“ und einer Krise, die unter allen Krisen liegt. Ressa verband das mit „extraktiven und räuberischen Technologien“, die Lügen schneller verbreiten als Fakten.
Das ergänzt die Warnung der Forschenden über die Rolle von KI und Plattformen bei der Destabilisierung von Gesellschaften. Wenn Menschen Wahrheit und Manipulation kaum noch auseinanderhalten, bekommen Politikerinnen und Politiker mehr Raum für radikale Schritte. In einem solchen Umfeld werden selbst schriftliche Rüstungskontroll-Abkommen brüchig.
Wer hinter dem Bulletin steht – und warum man weiterhin zuhört

Gegründet wurde das Bulletin 1945 von Wissenschaftlern, darunter Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer. Die „Doomsday Clock“ wurde zu ihrem Weg, komplexe, aber lebenswichtige Fragen in eine Sprache zu übersetzen, die viele erreicht. Obwohl sie ein Symbol ist, holt sie das Thema globale Sicherheit immer wieder in den Mittelpunkt – gerade dann, wenn Nachrichten einander im Minutentakt verdrängen.
Der heutige Stand – 85 Sekunden vor Mitternacht – wirkt wie eine harte Erinnerung daran, dass nukleare Risiken, der Krieg in der Ukraine, Konflikte im Nahen Osten, der Klimawandel und unkontrollierte KI zu einer gefährlichen Gesamtlage zusammenwachsen. Und wenn die Zeiger so häufig weitergehen, heißt das vor allem: Die politischen Spitzen finden bislang keinen Weg, den Trend zu drehen.
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