Nach der Veröffentlichung eines riesigen Dokumentenpakets zu Jeffrey Epstein überschlugen sich die sozialen Netzwerke mit „Enthüllungen“, berichtet timestuff.de unter Berufung auf dw.com. Das Problem: Neben echten Materialien verbreiten sich rasant Fälschungen, die von KI erstellt oder gezielt manipuliert wurden.
Was veröffentlicht wurde – und warum daraus eine Welle von „Ermittlungen“ entstand
Am 30. Januar stellte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen Seiten an Unterlagen ins Netz, die den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein betreffen. Die Akten enthalten unter anderem Korrespondenz, Flugprotokolle und Ermittlungsdokumente rund um sein Netzwerk und sein Umfeld. Seitdem wühlen Journalistinnen und Journalisten, Forschende und auch ganz normale Nutzerinnen und Nutzer in dem Archiv, um Zusammenhänge zu erkennen und einzelne Puzzleteile zusammenzusetzen.
Auf X, Instagram, TikTok und anderen Plattformen füllen Screenshots, Videoausschnitte und markige Behauptungen die Feeds – oft mit Millionenreichweite. Ein Teil der Diskussion stützt sich tatsächlich auf Dokumente, gleichzeitig gewinnt aber Content an Tempo, der komplett generiert oder professionell zusammengeschnitten wurde. Weil die Datenmenge enorm ist, lässt sich nicht jede einzelne Behauptung prüfen, daher konzentrierte sich DW Fact Check auf besonders viral verbreitete Beispiele.
Der Fake vom „Epstein, der in Israel lebt“

Einer der populärsten Posts auf X zeigte angeblich „geleakte Fotos“, auf denen Epstein – bereits mit Bart – in Israel auf der Straße zu sehen sein soll, entweder allein oder flankiert von Bodyguards. Der Beitrag kam auf über zwei Millionen Aufrufe und mehr als 270 Kommentare, während ähnliche Versionen auf mehreren Plattformen immer wieder neu auftauchten. Ein weiterer Post mit denselben „Belegen“ erreichte sogar mehr als fünf Millionen Views – so wurde aus der Behauptung eine sich selbst antreibende Geschichte.
Tatsächlich wurde Jeffrey Epstein im August 2019 tot in seiner Zelle gefunden, als er wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe auf seinen Prozess wartete. Nach der Autopsie stufte die leitende Gerichtsmedizin New York Citys den Tod als Suizid ein. Die neu veröffentlichten Unterlagen liefern zwar zusätzliche Details zum Umfeld und zu Abläufen jener Zeit, sie geben aber keinen Anlass, den Tod Epsteins grundsätzlich infrage zu stellen.
Die Prüfung ergab: Die „Israel“-Fotos sind ein KI-Produkt. Eine Rückwärtsbildersuche führte zu einer größeren, nicht beschnittenen Version eines Bildes, auf der Straßenschilder angeblich hebräische, arabische und lateinische Schrift zeigen. Der Text ist jedoch sinnlos – ein typischer KI-Fehler – und statt „Tel Aviv“ taucht die Zeichenfolge „Chor Lon“ auf, die nichts Bedeutendes ergibt. Auch die Logik einzelner Details bricht: So ist etwa ein Ampelsignal mit Grün oben zu sehen, wo eigentlich Rot sein müsste.
Welche Spuren die Manipulation verraten

Auf den Bildern finden sich weitere typische Merkmale künstlicher Erzeugung. Zu sehen ist ein „Motion-Blur“-Effekt, bei dem die zentrale Figur scharf wirkt, während Menschen in der Umgebung merkwürdig verwischen, als hätte die KI den Raum nur grob „aufgefüllt“. Hinzu kommen geklonte Details bei den vermeintlichen Bodyguards – fast identische Schuhe, Hosen und Kopfformen, die unnatürlich gleichförmig aussehen. Ein zusätzlicher Hinweis ist ein Gemini-Wasserzeichen in der rechten unteren Ecke der größeren Bildversion.
Als die Bilder über Gemini geprüft wurden, erkannte der Dienst sie selbst als KI-generiert. Das Erkennungstool HIVE schätzte die Wahrscheinlichkeit für KI- oder Deepfake-Inhalte auf 94,6 Prozent, auch wenn solche Tools keine absolute Sicherheit garantieren. Zusammengenommen mit den sichtbaren Bildfehlern und dem Wasserzeichen ist die Lage dennoch eindeutig: Es handelt sich nicht um dokumentarische Aufnahmen.
Zwei weitere „neue“ Bilder, die parallel kursierten, erwiesen sich ebenfalls als künstlich erstellt. Sie basieren auf echten Epstein-Fotografien, die spätestens seit 2019 öffentlich sind, wurden aber digital verändert: Die KI ließ ihn älter wirken, ergänzte Bart und Falten und erzeugte damit den Eindruck, er könnte irgendwo untergetaucht sein. Das wirkt emotional und „plausibel“, trägt aber keinerlei Beweiswert in sich.
Das Video „Trump und Epstein auf einer Party mit Minderjährigen“ ist nicht echt

Zusätzlich verbreitete sich ein kurzer Clip massenhaft, der auf X, Instagram und TikTok als Partyvideo präsentiert wurde. Angeblich zeigt er den jungen Donald Trump und Epstein in einer Menge, umgeben von Minderjährigen. Ein Post auf X mit einer Bildunterschrift in Richtung „globale Vorträge, dunkelste Geheimnisse“ überschritt 1,2 Millionen Aufrufe, und das Video wurde immer wieder neu hochgeladen. Gerade dieses ständige Reposting macht aus einem Fake schnell „Belegmaterial“, das ohne Prüfung weitergereicht wird.
DW Fact Check kommt zu dem Schluss, dass das Video nicht authentisch ist. Es wurde erzeugt, indem eine reale Fotografie mithilfe von KI-Tools animiert und anschließend mit digital eingefügten Minderjährigen ergänzt wurde, die im Original nicht vorhanden waren. Eine Rückwärtsrecherche über Schlüsselbilder führte zu einem echten Foto von 1997 bei einem Victoria’s-Secret-Event in New York, auf dem Trump und Epstein gemeinsam mit dem Model Ingrid Seynhaeve zu sehen sind. Kinder tauchen auf dem Originalfoto nicht auf.
Auch die bewegte Darstellung liefert Hinweise: Unnatürlich glatte Hautstrukturen, „gleitende“ Gesichtsausdrücke und Bewegungen, die nicht sauber mit der Physik zusammenpassen, sind typische Anzeichen. In einer Szene wirken die Gesichter mehrerer springender Mädchen unverhältnismäßig klein im Verhältnis zu den Händen eines Mannes im Hintergrund, der klatscht – ein weiterer KI-Artefakt, der bei echter Kameraaufnahme so kaum entsteht.
Ein weiterer viraler Clip – und die Verfälschung von Mar-a-Lago-Aufnahmen
In sozialen Netzwerken kursierte außerdem ein Clip, der Trump und Epstein beim Plaudern in der Nähe junger Mädchen zeigen soll. Auf den ersten Blick wirkt das wie Archivmaterial, wodurch viele automatisch weniger kritisch hinschauen. Genau darauf zielen solche Fälschungen ab: Echte Szenen als Grundlage nehmen und dann etwas „hinzufügen“, das es nie gab.
Die Überprüfung zeigte, dass auch dieses Material manipuliert wurde. Der Clip rekonstruiert Teile eines authentischen NBC-News-Videos, das Trump und Epstein in Mar-a-Lago zeigt – im Original sind jedoch keine Kinder zu sehen. Die Mädchen in der veränderten Version wirken vollständig KI-generiert, nicht wie real gefilmte Personen im Bild.
Gefährlicher Trend: Chatbots sollen Gesichter von Betroffenen „entblurren“
Am problematischsten ist eine Entwicklung, die sich nicht auf angebliche „Beweise“, sondern auf mutmaßliche Betroffene richtet. Nutzerinnen und Nutzer auf X posten verpixelte Bilder und fordern den eingebauten Chatbot Grok auf, Gesichter „sichtbar zu machen“ oder „zurück zu entblurren“ – etwa das Gesicht eines Mädchens, das angeblich neben Epstein steht. Ein solcher Post erreichte über 17,6 Millionen Aufrufe, und ähnliche Anfragen sammeln regelmäßig Tausende Reaktionen.
Das Verpixeln dient nicht „der Verschwörung“, sondern dem Schutz der Privatsphäre und soll eine erneute Traumatisierung verhindern. Im Rahmen des Epstein Files Transparency Act muss das US-Justizministerium Informationen schwärzen, die Opfer identifizierbar machen könnten, um genau diese Schutzfunktion zu erfüllen. Viele glauben trotzdem, hinter dem Blur stecke „die Wahrheit“, die man nur technisch freilegen müsse – doch diese Anfragen liefern keine realen Identitäten.
Stattdessen halluzinieren KI-Modelle Details und erzeugen frei erfundene Gesichter. So entstehen falsche Spuren, zusätzliche Desinformation und ein hohes Risiko, Betroffenen weiter zu schaden. Paradox ist dabei, dass Nutzerinnen und Nutzer selbst neue Fiktionen erzeugen – und sie dann als „Entlarvung“ interpretieren.
Warum es immer schwerer wird, Wahrheit von Fake zu trennen
Courtney Radsch vom Center for Journalism and Liberty erklärte DW bereits früher, dass die Mischung aus KI-generierten Inhalten und Fake-Videos es zunehmend erschwert, Echtes von Erfundenem zu unterscheiden. Besonders brisant ist das bei Themen wie den „Epstein-Akten“, wo Emotionen hochkochen und viele für jeden angeblichen „Leak“ empfänglich sind. Wenn Manipulationen mit realen Archivbildern vermengt werden, verschwimmt die Grenze – und genau das macht solche Inhalte so wirkungsvoll.
Ein weiteres Warnsignal liefert auch die Analyse von NewsGuard, einer in New York ansässigen Organisation, die die Glaubwürdigkeit von Online-Informationen bewertet. Ein aktueller Bericht zeigt, wie schnell KI-Werkzeuge überzeugende Deepfakes erzeugen können, die öffentliche Personen in den Epstein-Komplex hineinziehen. Von drei getesteten Systemen verweigerte nur ChatGPT die Erstellung solcher Fakes, Gemini zögerte, während Grok sie innerhalb von Sekunden generierte.
Auch Tommaso Canetta vom European Digital Media Observatory (EDMO) warnte DW zuvor vor den hohen Risiken: Menschen glauben an Dinge, die nicht real sind, aber exakt so aussehen. Genau deshalb braucht jeder „sensationelle“ Screenshot oder Clip aus sozialen Netzwerken in diesem Kontext eine kühle, gründliche Prüfung – sonst werden Klicks zur Massenproduktion von Irreführung.
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