Eine neue Recherche zeigt, dass hinter vielen sexualisierten Aufnahmen vom Münchner Teufelsrad kein Zufall steckt. Videos wurden gezielt produziert, verbreitet, zur Reichweitensteigerung genutzt und teilweise sogar verkauft. Für Betroffene ist es trotzdem oft schwierig, juristisch dagegen vorzugehen.
Das Teufelsrad gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Attraktionen auf dem Münchner Oktoberfest. Wer sich auf die rotierende Scheibe setzt, versucht möglichst lange sitzen zu bleiben, während Fliehkraft und Seile die Teilnehmer irgendwann herunterbefördern. Rundherum stehen Zuschauer mit ihren Smartphones, berichtet timestuff.de.
Genau daraus ist offenbar ein eigenes Online-Geschäft entstanden.
Am 29. September 2026 veröffentlichte der Bayerische Rundfunk gemeinsam mit der ARD eine umfangreiche Recherche zu voyeuristischen Teufelsrad-Videos vom Oktoberfest. Die Reporter konnten mehrere Personen und Netzwerke identifizieren, die solche Aufnahmen produziert, verbreitet oder zur Vergrößerung von Social-Media-Kanälen genutzt haben sollen.
Das Problem ist längst größer als ein einzelner unangenehmer Handyclip: Aus den Aufnahmen ist ein System für Klicks, Reichweite und teilweise direkten Verkauf geworden.
Tausende Teufelsrad-Videos kursieren im Netz
Auf YouTube, TikTok, Instagram und anderen Plattformen finden sich seit Jahren Aufnahmen vom Teufelsrad. Viele zeigen den kompletten Ablauf der Attraktion. Bei einem Teil der Videos werden Frauen jedoch auffällig häufig gefilmt, während sie auf der Scheibe rutschen oder herunterfallen.
Dabei können Röcke hochrutschen und Unterwäsche sichtbar werden. Manche Clips werden anschließend mit sexualisierten Titeln oder Vorschaubildern versehen. Noch weiter gehen manipulierte Thumbnails, auf denen Frauen durch Bildbearbeitung oder künstliche Intelligenz teilweise nackt dargestellt werden.
Die ursprüngliche Wiesn-Szene wird damit nicht nur dokumentiert, sondern nachträglich gezielt sexualisiert und als aufmerksamkeitsstarker Inhalt vermarktet.
Ein einziges Video erreichte mehr als 74 Millionen Aufrufe
Wie groß die Reichweite werden kann, zeigt ein besonders drastischer Fall aus der BR-Recherche. Eine Frau, die auf dem Teufelsrad gefilmt worden war, tauchte in einem Video auf, das nach Angaben der Reporter mehr als 74 Millionen Aufrufe erreichte.
Unter dem Video standen zahlreiche abwertende und sexualisierte Kommentare. Die Frau berichtete, später von Männern erkannt und auf die Aufnahmen angesprochen worden zu sein. Sie beschrieb ihre Reaktion gegenüber dem BR als einen „Mix aus Ekel, Scham und Wut“.
Selbst nachdem das besonders erfolgreiche Video nicht mehr abrufbar war, fanden die Reporter während ihrer Recherche noch zahlreiche weitere Bilder und Clips der Frau im Netz.
Das zeigt ein grundsätzliches Problem: Wird eine Aufnahme einmal mehrfach kopiert und auf verschiedenen Plattformen verbreitet, reicht die Löschung des ursprünglichen Videos häufig nicht mehr aus.
Wer steckt hinter den Teufelsrad-Videos?
Die Recherche führt nicht zu einem einzigen Betreiber, sondern zu verschiedenen Akteuren und Geschäftsmodellen.
| Bereich | Was die Recherche zeigt |
|---|---|
| Social-Media-Accounts | Mehrere Kanäle veröffentlichten regelmäßig Aufnahmen vom Teufelsrad und erreichten damit teilweise enorme Reichweiten. |
| Produktion vor Ort | Einzelne Personen sollen über längere Zeit gezielt zahlreiche Fahrten gefilmt haben. |
| Verkauf von Material | Unveröffentlichte Aufnahmen wurden teilweise als Videopakete angeboten. |
| Reichweitenaufbau | Teufelsrad-Clips wurden offenbar genutzt, um YouTube- und Social-Media-Kanäle schneller wachsen zu lassen. |
| Manipulierte Bilder | Teilweise wurden Vorschaubilder sexualisiert verändert oder mit fremdem pornografischem Material kombiniert. |
Hunderte Videos in wenigen Tagen
Besonders auffällig ist der Fall einer Frau aus Oberbayern, deren Social-Media-Aktivitäten der BR untersucht hat. Auf ihren Aufnahmen soll die Kamera wiederholt gezielt auf Frauen gerichtet worden sein, während diese über die Scheibe rutschten.
Nach Angaben des BR schrieb sie bereits 2024 öffentlich, während eines Oktoberfests innerhalb von 18 Tagen mehr als 600 Videos aufgenommen zu haben.
Auf einer eigenen Website soll sie zudem mehr als 500 noch unveröffentlichte Videos für mehrere hundert Euro angeboten haben.
Nach der Anfrage der Journalisten verschwanden mehrere einschlägige Videos. Zwei Accounts, die der Frau zugerechnet wurden, wurden laut Recherche vollständig gelöscht.
Warum Teufelsrad-Videos für Social Media so attraktiv sind

Der wirtschaftliche Wert liegt nicht unbedingt nur im direkten Verkauf der Aufnahmen. Sehr viel wichtiger kann die Reichweite sein.
Ein Video, das plötzlich Millionen Aufrufe erzielt, kann einen ganzen Kanal anschieben. Neue Abonnenten kommen hinzu, weitere Videos werden häufiger ausgespielt und ein Account gewinnt an Wert.
Die BR-Recherche führt dabei auch zu einer Community von YouTube-Produzenten aus der Ukraine. In diesem Umfeld wurde offenbar systematisch nach Videoformaten gesucht, die hohe Reichweiten erzeugen können.
Solche Strategien beschränkten sich keineswegs nur auf das Oktoberfest. Genutzt wurden nach den Recherchen unter anderem Kochvideos oder Aufnahmen von Stränden. Das Teufelsrad wurde jedoch aufgrund der möglichen sexualisierten Szenen zu einem besonders klickstarken Motiv.
Die Gründer der Community ließen nach einer Anfrage des BR über eine Münchner Anwaltskanzlei mitteilen, entsprechende Inhalte inzwischen von ihren eigenen Kanälen entfernt zu haben. Ein Fehlverhalten sei damit nicht eingeräumt worden.
Wie konkret mit den Aufnahmen gehandelt wurde
Ein weiteres Detail zeigt, welchen Wert bestimmte Aufnahmen bekommen können. In einer ukrainischen Telegram-Gruppe wurden laut Recherche Teufelsrad-Videos angeboten.
- 6 Euro pro Minute sollten Aufnahmen kosten, auf denen ausschließlich Frauen zu sehen waren.
- Enthielten die Videos auch Männer, sank der verlangte Preis auf 1,50 Euro pro Minute.
Der betreffende Anbieter erklärte gegenüber dem BR später, die Videos selbst gar nicht zu besitzen und nie in Deutschland gewesen zu sein. Er habe lediglich testen wollen, ob Nachfrage bestehe. Die Anzeige wurde anschließend entfernt.
Allein diese Preisstaffelung macht deutlich, worauf das Geschäftsmodell zielte: Nicht das Teufelsrad war das eigentliche Produkt, sondern die sexualisierte Darstellung der dort gefilmten Frauen.
YouTube, TikTok und Meta löschen Inhalte nach BR-Anfragen
Die Recherche betrifft auch die Plattformen, auf denen sich die Videos verbreiten konnten.
Google beziehungsweise YouTube, Meta mit Facebook und Instagram sowie TikTok verwiesen gegenüber dem BR auf ihre jeweiligen Plattformregeln. Nach den Anfragen der Journalisten wurden nach Angaben des Senders verschiedene Videos und Accounts entfernt.
Das löst allerdings nur einen Teil des Problems. Derselbe Clip kann mehrfach hochgeladen, geschnitten oder mit einem neuen Titel versehen werden. Zusätzlich können Kopien auf kleineren Plattformen oder in geschlossenen Gruppen weiterleben.
Was die Betreiber des Teufelsrads dagegen tun
Die Betreiber des Teufelsrads erklärten über einen Anwalt, bereits seit 2024 Maßnahmen gegen Upskirting zu ergreifen.
Dazu gehören laut BR:
- Warnschilder auf Deutsch und Englisch,
- Hinweise auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen,
- Durchsagen während des Betriebs, nicht unter Röcke zu filmen,
- die Einschaltung der Polizei bei einem konkreten Upskirting-Verdacht.
Ganz verhindern lassen sich Aufnahmen damit offenbar nicht. Reporter beobachteten während des Oktoberfests 2026 Personen, die mehrere Durchgänge mit Smartphones oder Actionkameras filmten.
Ein besonders problematischer Fall betraf laut BR einen stundenlangen Livestream auf TikTok. Darin seien auch Fahrten mit Kindern veröffentlicht worden. Ausschnitte daraus tauchten kurz darauf als neue Videos auf verschiedenen Plattformen auf.
Warum nicht jedes Teufelsrad-Video strafbares Upskirting ist
Hier liegt der komplizierteste Teil der Geschichte.
Seit 2021 stellt § 184k StGB bestimmte unbefugte Bildaufnahmen des Intimbereichs unter Strafe. Erfasst werden unter anderem Aufnahmen von Genitalien, Gesäß, weiblicher Brust oder der diese Körperbereiche bedeckenden Unterwäsche, wenn sie gegen Anblick geschützt sind.
Eine Verurteilung kann mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren verbunden sein.
Doch nicht jede problematische Teufelsrad-Aufnahme erfüllt automatisch diese Voraussetzungen.
Voyeuristisch, entwürdigend oder bewusst sexualisiert bedeutet juristisch nicht automatisch, dass der bestehende Upskirting-Paragraf greift.
Problematisch wird die Abgrenzung beispielsweise dann, wenn:
- die Kamera formal das gesamte Teufelsrad filmt und nicht gezielt den Intimbereich,
- keine Unterwäsche sichtbar ist,
- eine Frau etwa eine Radlerhose trägt,
- die eigentliche Sexualisierung erst durch Titel, Schnitt oder Vorschaubild entsteht,
- eine Aufnahme nachträglich mit künstlicher Intelligenz manipuliert wird.
Hinzu kommt, dass das Oktoberfest eine öffentliche Großveranstaltung ist. Dadurch sind Aufnahmen anderer Personen nicht in jeder Situation automatisch verboten. Entscheidend sind immer die konkreten Umstände.
Sexualisierte Deepfakes schaffen ein zusätzliches Problem
Die Recherche dokumentiert noch eine zweite Entwicklung. Bei manchen Videos werden Frauen auf den Vorschaubildern digital verändert. Eine tatsächlich bekleidete Person kann dadurch beispielsweise plötzlich unbekleidet dargestellt werden.
Eine vom BR interviewte Frau hatte nach eigener Aussage beim Teufelsrad bewusst Hosen getragen. Später tauchten dennoch manipulierte Darstellungen auf, die sie unbekleidet zeigten.
Gerade bei solchen sexualisierten Deepfakes bestehen nach aktueller Rechtslage noch Strafbarkeitslücken.
Die Bundesregierung arbeitet deshalb an einer Verschärfung. Nach Angaben des Bundesjustizministeriums gegenüber dem BR sollen künftig unter anderem sexualisierte Deepfakes sowie weitere voyeuristische Aufnahmen erfasst werden, die vom bisherigen Gesetz nicht ausreichend abgedeckt sind.
Der entsprechende Entwurf befindet sich nach Angaben des Ministeriums noch in der Abstimmung innerhalb der Bundesregierung.
Warum die Teufelsrad-Recherche über das Oktoberfest hinaus wichtig ist
Der Fall zeigt ein Problem, das nicht an der Theresienwiese endet. Smartphones, Plattformalgorithmen und KI-Bildbearbeitung haben es extrem einfach gemacht, Menschen aus alltäglichen Situationen herauszulösen und ohne ihr Wissen zu einem millionenfach verbreiteten Inhalt zu machen.
Beim Teufelsrad treffen mehrere Faktoren gleichzeitig aufeinander: eine öffentliche Veranstaltung, Tausende Zuschauer mit Kameras, unkontrollierbare Bewegungen der Teilnehmer und Plattformen, auf denen sexualisierte Inhalte hohe Reichweiten erreichen können.
Die neue Recherche macht deshalb vor allem eines sichtbar: Zwischen einer Aufnahme, die technisch leicht möglich ist, und einer Veröffentlichung, die für die betroffene Person jahrelange Folgen haben kann, liegen heute oft nur wenige Klicks.
Dass Videos gelöscht und Accounts gesperrt wurden, ist ein erster Schritt. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Plattformregeln, Veranstalter und Gesetzgebung künftig schnell genug reagieren können, bevor aus einem Moment auf dem Oktoberfest ein dauerhaftes digitales Problem wird.
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