Die neue Haarfarbe sieht gut aus – doch wenige Tage später liegen plötzlich auffällig viele Haare in der Bürste, im Waschbecken oder in der Dusche. Schnell entsteht der Verdacht, dass das Färben dafür verantwortlich sein könnte. Aber kann Haarausfall nach dem Haarefärben tatsächlich durch die Farbe ausgelöst werden?
Die Antwort ist etwas differenzierter, als es zunächst scheint. Haarfärbemittel können die Haarstruktur deutlich beanspruchen und insbesondere bei häufigem Färben oder Blondieren Haarbruch verursachen. Ein echter Haarverlust, bei dem Haare aus dem Follikel ausfallen, hat dagegen häufig andere Ursachen. Gleichzeitig können allergische Reaktionen, starke Reizungen oder in seltenen Fällen chemische Verletzungen der Kopfhaut nach dem Färben auftreten.
Wer nach dem Färben ungewöhnlich viele Haare verliert, sollte deshalb zunächst herausfinden, ob die Haare tatsächlich ausfallen oder lediglich abbrechen.
Kann Haarefärben wirklich Haarausfall verursachen?
Um die Frage zu beantworten, hilft ein Blick darauf, was beim Färben eigentlich passiert.
Das sichtbare Haar besteht überwiegend aus Keratin und ist biologisch gesehen kein lebendes Gewebe. Der Teil des Haares, in dem Wachstum stattfindet, befindet sich dagegen im Haarfollikel unter der Haut.
Bei einer permanenten Haarfarbe werden die äußeren Schichten des Haarschafts so verändert, dass Farbstoffvorstufen in das Haar eindringen können. Oxidative Haarfarben arbeiten typischerweise mit einem alkalischen Milieu und einem Oxidationsmittel wie Wasserstoffperoxid. Dadurch können Farbstoffe bis in den Cortex des Haares gelangen und dort die gewünschte Farbe bilden.
Diese chemischen Prozesse bleiben für die Haarfaser nicht völlig folgenlos. Untersuchungen zeigen, dass insbesondere Blondierungen und oxidative Behandlungen die Cuticula und den Cortex verändern, Proteine oxidieren und die Widerstandsfähigkeit des Haars reduzieren können. Je stärker und häufiger aufgehellt wird, desto größer kann die strukturelle Belastung sein.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Haarwurzeln geschädigt werden. Bei korrekt angewendeter Haarfarbe ist eine dauerhafte Zerstörung der Haarfollikel nicht der typische Effekt. Viel häufiger entsteht ein anderes Problem: Das chemisch beanspruchte Haar bricht ab.
Haarausfall oder Haarbruch: ein wichtiger Unterschied
Nach dem Färben können beide Situationen auf den ersten Blick ähnlich aussehen. Für die weitere Vorgehensweise macht es jedoch einen großen Unterschied, ob das Haar aus dem Follikel gefallen oder irgendwo entlang des Haarschafts abgebrochen ist.
| Haarbruch | Tatsächlicher Haarausfall | |
| Was passiert? | Der Haarschaft bricht | Das Haar löst sich aus dem Follikel |
| Typisches Aussehen | unterschiedlich lange, kürzere Haare | meist Haare in ihrer vollständigen Länge |
| Häufig nach | Blondierung, häufigem Färben, Hitze, mechanischer Belastung | Telogeneffluvium, Erkrankungen, hormonellen Veränderungen, bestimmten Formen der Alopezie |
| Kopfhaut | häufig unauffällig | kann unauffällig oder verändert sein |
| Ansatz | abgebrochene kurze Haare können sichtbar sein | Haardichte nimmt zunehmend ab |
Bei einem ausgefallenen Telogenhaar kann am Ende eine kleine keulenförmige Verdickung zu erkennen sein. Sie ist Teil des abgestoßenen Haares – der eigentliche Haarfollikel bleibt in der Haut.
Gerade nach einer Blondierung finden sich dagegen häufig Haare unterschiedlicher Länge. Sie wirken trocken, lassen sich schwer kämmen und reißen vergleichsweise leicht. In diesem Fall wird vermeintlicher Haarausfall durch das Färben zumindest teilweise durch Haarbruch erklärt.
Warum können nach dem Färben plötzlich mehr Haare ausfallen?
Für auffälligen Haarverlust nach einer Coloration kommen mehrere Ursachen infrage.
1. Zu starke chemische Belastung
Besonders belastend für die Haarstruktur ist das Aufhellen. Dabei muss nicht nur neue Farbe in das Haar eingebracht, sondern zunächst ein Teil des natürlichen Melanins oxidativ abgebaut werden.
Je stärker das Haar aufgehellt wird, desto intensiver ist in der Regel die chemische Behandlung. Dermatologen der American Academy of Dermatology weisen beispielsweise darauf hin, dass eine Aufhellung um mehr als drei Farbstufen stärkere Peroxidkonzentrationen erfordern kann und damit auch die Haarschädigung zunimmt.
Mehrfaches Blondieren derselben Haarlängen, sehr kurze Abstände zwischen chemischen Behandlungen oder eine zusätzliche Belastung durch Glätteisen und andere hohe Temperaturen können die Situation weiter verschärfen.
Das Ergebnis sind häufig trockene, poröse und zunehmend bruchanfällige Haare.
2. Reizung der Kopfhaut
Haarfarbe kommt beim Färben zwangsläufig auch mit der Kopfhaut in Kontakt. Unterschiedliche Bestandteile können empfindliche Haut reizen.
Mögliche Beschwerden sind:
- Brennen oder Stechen,
- Juckreiz,
- Spannungsgefühl,
- Rötungen,
- trockene oder schuppende Haut.
Solche Beschwerden sollten nicht einfach als normale Begleiterscheinung des Färbens angesehen werden. Wird während der Einwirkzeit starkes Brennen bemerkt, sollte das Produkt entsprechend den Anwendungshinweisen sofort gründlich ausgespült werden.
3. Allergische Reaktion auf Haarfarbe
Eine weitere mögliche Ursache für Beschwerden nach dem Färben ist eine Kontaktallergie.
Besonders bekannt ist p-Phenylendiamin (PPD), das in vielen oxidativen Haarfarben verwendet wird. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist seit Langem auf das sensibilisierende Potenzial von PPD hin. Auch andere Bestandteile eines Haarfärbemittels können Reaktionen hervorrufen.
Typisch sind unter anderem Juckreiz, Rötung, Brennen oder Schwellungen. Die Beschwerden müssen nicht unmittelbar während des Färbens auftreten. Allergische Reaktionen können sich auch erst Stunden oder Tage später entwickeln.
Wer bereits einmal deutlich auf eine Haarfarbe reagiert hat, sollte nicht einfach ein weiteres Produkt ausprobieren, sondern die Ursache dermatologisch abklären lassen.
Und wichtig: „Ammoniakfrei“ bedeutet nicht automatisch „allergiefrei“ oder „unschädlich“. Ammoniak kann in Haarfarben beispielsweise durch andere alkalische Substanzen ersetzt werden, während andere potenziell sensibilisierende Bestandteile weiterhin enthalten sein können.
4. Chemische Verletzung der Kopfhaut
Eine ernsthafte chemische Verbrennung durch Haarfarbe oder Blondierung ist selten, aber möglich. In der medizinischen Literatur sind entsprechende Fälle beschrieben. Bei schweren Verletzungen kann es zu Narbenbildung kommen – und damit theoretisch auch zu einer dauerhaften Schädigung von Haarfollikeln.
Starke Schmerzen, Blasen, nässende Haut, ausgeprägte Schwellungen oder offene Stellen auf der Kopfhaut sollten deshalb ärztlich untersucht werden.
5. Der Zeitpunkt des Färbens kann Zufall sein
Nicht jeder Haarausfall nach dem Färben wird tatsächlich vom Färben verursacht.
Eine häufige Form des diffusen Haarverlusts ist das sogenannte Telogeneffluvium. Dabei wechseln überdurchschnittlich viele Haare gleichzeitig aus der Wachstums- in die Ruhephase und fallen später aus.
Mögliche Auslöser sind unter anderem:
- Erkrankungen oder hohes Fieber,
- Operationen,
- starke psychische oder körperliche Belastungen,
- deutlicher Gewichtsverlust oder sehr restriktive Diäten,
- Eisenmangel,
- Schilddrüsenerkrankungen,
- bestimmte Medikamente,
- hormonelle Veränderungen.
Das Entscheidende ist der zeitliche Abstand: Ein Telogeneffluvium wird häufig erst zwei bis vier Monate nach dem auslösenden Ereignis sichtbar. Wer seine Haare am Wochenende färbt und einige Tage später einen deutlichen diffusen Haarverlust bemerkt, sollte deshalb nicht automatisch davon ausgehen, dass allein die Haarfarbe verantwortlich ist.
Auch eine bereits bestehende androgenetische Alopezie oder Alopecia areata kann zufällig ungefähr zum Zeitpunkt einer Coloration auffallen.
Büschelweiser Haarausfall nach dem Färben: Wann sollte man reagieren?
Ein paar zusätzliche Haare in der Bürste sind zunächst kein Grund zur Sorge. Haare durchlaufen einen natürlichen Wachstumszyklus, und täglich werden Haare abgestoßen.
Anders sieht es bei büschelweisem Haarausfall nach dem Färben aus.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn gleichzeitig die Kopfhaut stark brennt, schmerzt, anschwillt oder Blasen bildet. In diesem Fall sollte das Färbemittel vollständig ausgespült und die Haut ärztlich beurteilt werden.
Auch bei plötzlich entstehenden kahlen Stellen oder deutlich sichtbarer Ausdünnung der Haare ist eine dermatologische Untersuchung sinnvoll.
Treten zusätzlich Schwellungen im Gesicht, an Lippen, Mund oder Hals oder Atemprobleme auf, kann es sich um eine schwere allergische Reaktion handeln. Dann ist sofortige medizinische Hilfe erforderlich. Solche schweren Reaktionen auf Haarfärbemittel sind selten, aber möglich.
Was tun bei Haarausfall nach dem Färben?
Zunächst sollte auf weitere belastende Behandlungen verzichtet werden. Direkt erneut zu färben, zu blondieren oder chemisch zu glätten, kann bereits geschädigtes Haar zusätzlich beanspruchen.
Haare möglichst schonend behandeln
In den folgenden Wochen empfiehlt es sich, mechanische und thermische Belastungen zu reduzieren. Sehr heißes Föhnen, häufiges Glätten, aggressives Bürsten oder stark gespannte Frisuren können geschädigte Haarfasern zusätzlich belasten.
Conditioner und Pflegeprodukte können die Kämmbarkeit verbessern, Reibung reduzieren und das Haar geschmeidiger erscheinen lassen. Allerdings sollte man realistische Erwartungen haben: Eine bereits schwer geschädigte Haarfaser kann biologisch nicht wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Entscheidend ist deshalb vor allem, weiteren Haarbruch zu vermeiden, während gesundes Haar nachwächst.
Kopfhaut beobachten
Juckreiz, Brennen und Schuppung nach einer Coloration können auf eine irritative oder allergische Reaktion hinweisen.
Wenn Beschwerden stärker werden, nicht abklingen oder nach jeder Coloration erneut auftreten, sollte eine Hautarztpraxis die Ursache abklären. Bei Verdacht auf eine Kontaktallergie kann dort gegebenenfalls eine professionelle Allergiediagnostik erfolgen.
Ursache für echten Haarausfall abklären
Wenn tatsächlich ganze Haare verstärkt ausfallen und die Haardichte sichtbar abnimmt, sollte nicht nur die Coloration betrachtet werden.
Eine Dermatologin oder ein Dermatologe kann anhand von Kopfhaut, Verteilung des Haarverlusts und gegebenenfalls einer Trichoskopie besser unterscheiden, ob beispielsweise ein Telogeneffluvium, erblich bedingter Haarausfall, Alopecia areata oder eine andere Ursache vorliegt.
Abhängig von der Vorgeschichte können zusätzlich Laboruntersuchungen sinnvoll sein, beispielsweise bei Verdacht auf Eisenmangel oder eine Schilddrüsenerkrankung.
Ernährung: sinnvoll, aber keine Wunderlösung
Gesundes Haarwachstum benötigt eine ausreichende Versorgung mit Energie, Protein, Vitaminen und Mineralstoffen. Mangelzustände – beispielsweise bei Eisen, Zink oder Protein – können mit verstärktem Haarverlust verbunden sein.
Deshalb ist während einer Phase mit verstärktem Haarausfall eine ausgewogene Ernährung sinnvoll.
Vitaminpräparate oder sogenannte Hair-Supplements sollten jedoch nicht automatisch eingenommen werden. Mehr ist bei Mikronährstoffen nicht grundsätzlich besser. Besteht der Verdacht auf einen Mangel, ist es sinnvoller, diesen gezielt abzuklären und anschließend gegebenenfalls zu behandeln.
Wie lässt sich Haarschädigung beim Färben reduzieren?
Wer seine Haare regelmäßig färbt, muss nicht grundsätzlich darauf verzichten. Entscheidend sind die verwendete Methode, der Zustand der Haare und die Häufigkeit der chemischen Belastung.
Besonders vorsichtig sollte man mit intensiven Blondierungen umgehen. Bereits stark aufgehellte Längen sollten nicht bei jedem Ansatzfärben erneut vollständig blondiert werden. Zwischen verschiedenen chemischen Behandlungen sollte das Haar ausreichend Zeit bekommen, und zusätzliche Belastungen durch sehr hohe Temperaturen können möglichst reduziert werden.
Bei empfindlicher, entzündeter oder verletzter Kopfhaut sollte eine Coloration verschoben werden.
Wer bereits allergisch auf einen Bestandteil eines Haarfärbemittels reagiert hat, sollte den entsprechenden Stoff konsequent meiden und die Auswahl eines geeigneten Produkts gegebenenfalls dermatologisch abklären.
Eine professionelle Anwendung schützt zwar nicht vor jeder möglichen Reaktion, reduziert aber Fehler bei Mischung, Einwirkzeit und Applikation.
Haarausfall durch Haarefärben – oder doch Haarbruch?
Die entscheidende Frage lautet also weniger: „Verursacht Haarefärben Haarausfall?“, sondern vielmehr: „Was genau passiert mit den Haaren?“
Chemische Haarbehandlungen können die Haarfaser nachweislich schädigen. Besonders Blondierungen und häufige oxidative Colorationen können das Haar trockener, poröser und bruchanfälliger machen. Was anschließend wie starker Haarausfall aussieht, ist deshalb häufig zumindest teilweise Haarbruch.
Ein echter Haarausfall durch das Färben ist weniger typisch. Trotzdem dürfen Reaktionen der Kopfhaut nicht ignoriert werden. Allergische Kontaktdermatitis, starke Irritationen und in seltenen Fällen chemische Verletzungen können nach Haarfärbungen auftreten.
Und schließlich kann der zeitliche Zusammenhang täuschen: Beginnen Haare Wochen oder Monate nach einer Coloration diffus auszufallen, kommen zahlreiche andere Ursachen infrage.
Wie lange dauert Haarausfall nach dem Färben?
Das hängt vollständig von der Ursache ab.
Bei Haarbruch wächst das geschädigte Stück nicht wieder zusammen. Sobald die chemische Belastung reduziert wird, kann jedoch gesundes Haar nachwachsen. Bis die ursprüngliche Haarlänge und -fülle wieder erreicht ist, braucht es entsprechend Zeit.
Bei einem akuten Telogeneffluvium kann sich der Haarzyklus nach Beseitigung des Auslösers wieder normalisieren. Die sichtbare Haardichte erholt sich jedoch nicht über Nacht; bis die ursprüngliche Fülle wieder erreicht ist, können mehrere Monate vergehen.
Bleibt der Haarverlust bestehen, wird er stärker oder entstehen kahle Bereiche, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden.
Fazit
Haare färben und Haarausfall werden häufig miteinander in Verbindung gebracht, doch nicht immer steckt dahinter eine Schädigung der Haarwurzel.
Viel häufiger verändert das Färben oder Blondieren die Struktur des Haarschafts. Stark behandeltes Haar verliert an Widerstandsfähigkeit und kann leichter abbrechen. Gleichzeitig können Haarfärbemittel die Kopfhaut reizen oder allergische Reaktionen auslösen.
Wer nach einer Coloration plötzlich deutlich mehr Haare verliert, sollte daher zuerst zwischen Haarbruch und echtem Haarverlust unterscheiden. Bei büschelweisem Haarverlust, sichtbarer Ausdünnung, kahlen Stellen oder deutlichen Beschwerden der Kopfhaut ist eine dermatologische Abklärung der sinnvollste nächste Schritt.
