Eine fast dreistündige Dokumentation über Elizabeth Holmes hätte normalerweise Monate vor ihrer Premiere Schlagzeilen gemacht. Bei „You Can See Everything“ lief es genau andersherum: A24, Nathan Fielder und Dokumentarfilmer Lance Oppenheim hielten das Projekt weitgehend unter Verschluss – bis ein geheimnisvoller Programmpunkt beim Telluride Film Festival plötzlich zum Schauplatz der Weltpremiere wurde, berichtet timestuff.de.
Im Mittelpunkt steht nicht einfach noch einmal der bekannte Aufstieg und Fall von Theranos. Fielder und Oppenheim erhielten Zugang zu Holmes kurz vor ihrem Haftantritt und begleiteten die Geschichte schließlich über mehrere Jahre. Genau diese Ausgangslage macht den Film ungewöhnlicher als eine klassische True-Crime-Aufarbeitung.
Die spannendste Frage ist deshalb nicht, was Elizabeth Holmes getan hat. Sondern was passiert, wenn jemand wie Nathan Fielder versucht herauszufinden, wann sie gerade die Wahrheit sagt.
„You Can See Everything“: Das ist bisher über den neuen A24-Film bekannt
Der Film trägt den Titel „You Can See Everything“ und wurde gemeinsam von Nathan Fielder und Lance Oppenheim inszeniert. A24 führt das Projekt inzwischen offiziell in seinem Filmangebot.
| Film | „You Can See Everything“ |
|---|---|
| Genre | Dokumentarfilm |
| Regie | Nathan Fielder, Lance Oppenheim |
| Im Mittelpunkt | Elizabeth Holmes |
| Laufzeit | 174 Minuten |
| Weltpremiere | 6. September 2026 beim Telluride Film Festival |
| Verleih | A24 |
| Kino | Für Oktober 2026 angekündigt |
| Deutschlandstart | Noch nicht offiziell bestätigt |
| Streaming | Noch kein bestätigter Termin oder Anbieter |
Besonders auffällig ist die Laufzeit. Mit 174 Minuten ist „You Can See Everything“ für eine aktuelle Dokumentation außergewöhnlich lang. Dass diese Zahl kein früher Platzhalter war, lässt sich sogar am Festivalprogramm nachvollziehen: Telluride kündigte für Sonntagabend lediglich einen geheimen 174-minütigen TBA-Film mit anschließendem Q&A an.
Telluride versteckte die Premiere sogar vor dem eigenen Publikum
Der Film wurde nicht einfach kurzfristig ins Programm aufgenommen. Das Festival machte aus der Geheimhaltung selbst ein Ereignis.
Für den 6. September stand im Werner Herzog Theatre um 18:15 Uhr zunächst nur ein „TBA“ im Programm. Selbst der Filmtitel wurde vor Beginn nicht veröffentlicht. Besucher mussten ihre Smartphones, Smartwatches und andere elektronische Geräte vor der Vorstellung in verschließbaren Yondr-Taschen verstauen.
- Der Titel wurde vor dem Einlass nicht bekannt gegeben.
- Die angesetzte Laufzeit betrug 174 Minuten.
- Elektronische Geräte mussten während des Screenings gesichert werden.
- Nach dem Film war ein Gespräch mit den Filmemachern vorgesehen.
- Erst im Saal wurde klar, dass Nathan Fielder und Lance Oppenheim ihren Elizabeth-Holmes-Film zeigen würden.
Die Los Angeles Times berichtete direkt von der ungewöhnlichen Premiere. Dem Bericht zufolge ging die Geheimhaltung so weit, dass im Kino auf mögliche unerlaubte Handyaufnahmen geachtet wurde.
Für einen Film über Kontrolle, Wahrnehmung und die Frage, wem man glauben kann, könnte eine derart kontrollierte Premiere kaum passender sein.
Warum Nathan Fielder zunächst gar keine Elizabeth-Holmes-Doku drehen wollte

Dass ausgerechnet Nathan Fielder hinter diesem Film steckt, ist ein wesentlicher Teil der Geschichte.
Fielder ist bekannt für Formate wie „Nathan for You“ und „The Rehearsal“, in denen reale Situationen, Inszenierung, soziale Experimente und Rekonstruktionen so stark ineinandergreifen, dass irgendwann unklar wird, wo eine gewöhnliche Dokumentation endet.
Bei Holmes hatte er anfangs offenbar genau den gegenteiligen Gedanken: Die Geschichte sei bereits erzählt.
„I thought the story was really fully told.“
So erinnerte sich Fielder laut der Los Angeles Times bei der Diskussion in Telluride an seine ursprüngliche Reaktion. Er kannte John Carreyrous Buch „Bad Blood“ über Theranos und sah zunächst wenig Grund, noch eine weitere Holmes-Dokumentation zu produzieren.
Dann bekam das Projekt allerdings eine Perspektive, die frühere Filme, Podcasts und Serien nicht haben konnten: direkten Zugang zu Holmes selbst.
Die Dreharbeiten begannen nur 34 Tage vor Holmes‘ Haftantritt
Nach der von A24 veröffentlichten Beschreibung setzt „You Can See Everything“ 34 Tage vor Elizabeth Holmes‘ Haftantritt ein.
Holmes lässt ein skeptisches Filmteam in ihr privates Umfeld. Zu sehen ist damit eine Phase, in der ihre öffentliche Geschichte im Grunde bereits bekannt war, ihr persönliches Leben aber vor einer fundamentalen Veränderung stand.
Aus diesem zunächst überschaubaren Ansatz entwickelte sich laut A24 ein Projekt, das sich über rund drei Jahre erstreckte.
Die Ausgangslage des Films lässt sich auf drei Ebenen herunterbrechen:
- Holmes will ihre eigene Perspektive zeigen. Sie öffnet ihr privates Leben für ein Filmteam.
- Die Filmemacher kennen die Theranos-Geschichte. Sie gehen also nicht als unbeschriebene Beobachter in die Situation.
- Fielder beginnt an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Genau daraus entwickelt sich offenbar ein zentraler Konflikt des Films.
Das macht „You Can See Everything“ potentiell interessanter als eine weitere chronologische Erzählung darüber, wie Theranos entstand und zusammenbrach.
Der Film soll gerade keine normale Theranos-Rückschau sein
Wer lediglich eine Zusammenfassung des Theranos-Skandals erwartet, dürfte hier beim falschen Film landen.
Holmes gründete Theranos und wurde zu einer der bekanntesten Figuren des Silicon Valley, bevor die Versprechen rund um die Bluttest-Technologie des Unternehmens zusammenbrachen. 2022 wurde sie wegen Betrugs an Investoren in mehreren Anklagepunkten schuldig gesprochen.
Diese Geschichte ist inzwischen ausführlich dokumentiert worden. Es gibt investigative Bücher, Podcasts, Dokumentationen und mit „The Dropout“ sogar eine prominent besetzte fiktionalisierte Serie.
Fielder und Oppenheim setzen deshalb an einem anderen Punkt an: Was geschieht, wenn eine weltweit bekannte Person, deren öffentliche Glaubwürdigkeit zerstört ist, selbst die Kamera in ihr Leben einlädt?
Der Telluride-Bericht der Los Angeles Times beschreibt, wie sich der Film zunehmend von einer herkömmlichen Beobachtung entfernt und mit Rekonstruktionen sowie der Grenze zwischen Realität und Inszenierung spielt.
Damit wird Holmes nicht nur zum Gegenstand der Dokumentation. Der Film untersucht gleichzeitig, wie überhaupt ein Bild von Elizabeth Holmes entsteht.
Auch Nathan Fielder wird offenbar Teil der Geschichte
Das ist vielleicht die wichtigste Information für Zuschauer, die Nathan Fielders frühere Arbeiten kennen: Er bleibt offenbar nicht einfach unsichtbar hinter der Kamera.
Die Begegnungen mit Holmes bringen ihn selbst in eine ungewöhnliche Position. Einerseits kennt er die Fakten der Theranos-Affäre. Andererseits beschreibt er, dass sein persönlicher Eindruck von Holmes nicht immer problemlos zu diesem Vorwissen passte.
Genau hier liegt der Stoff, für den Fielder besonders geeignet ist. Seine Arbeiten beschäftigen sich häufig damit, wie Menschen reagieren, sobald eine vermeintlich objektive Situation durch Kameras, Erwartungen oder Rollen verändert wird.
Bei „You Can See Everything“ bekommt diese Methode eine neue Dimension: Sein Gegenüber ist keine unbekannte Teilnehmerin eines Experiments, sondern eine der berühmtesten und umstrittensten ehemaligen Unternehmerinnen der USA.
Warum der Film drei Jahre dauerte
Die ursprünglichen Aufnahmen beschränkten sich nicht auf Holmes‘ letzte Wochen in Freiheit. Nachdem sie ihre Haft angetreten hatte, veränderte sich der Zugang der Filmemacher zwangsläufig.
Nach Angaben der Los Angeles Times wurde ihr Partner Billy Evans anschließend zu einem wichtigen Verbindungspunkt zwischen der Produktion und Holmes. Gleichzeitig soll die Beziehung zwischen dem Umfeld von Holmes und den Filmemachern schwieriger geworden sein.
Interessant ist dabei, dass A24 dem Projekt offenbar ungewöhnlich viel Freiheit ließ. Fielder und Oppenheim mussten nicht von Beginn an versprechen, aus dem Material zwingend einen fertigen Kinofilm zu machen. Diese Offenheit erklärt zumindest teilweise, warum aus einer zunächst begrenzten Beobachtung ein mehrjähriges Projekt entstehen konnte.
Gibt es bereits einen Trailer?
Ja. Mit der Enthüllung des Films wurde auch erstes offizielles Material veröffentlicht. Der Teaser konzentriert sich weniger darauf, die komplette Handlung zu erklären, sondern stellt vor allem die ungewöhnliche Dynamik zwischen Holmes und Fielder in den Vordergrund.
Das passt zur bisherigen Vermarktung: A24 verrät die Grundidee, hält sich bei den späteren Entwicklungen des Films aber auffällig zurück. Die offizielle A24-Seite zu „You Can See Everything“ ist deshalb derzeit die sinnvollste Anlaufstelle für neues Trailer- und Release-Material.
Wann startet „You Can See Everything“ in Deutschland?
Hier ist Vorsicht nötig, weil mehrere Meldungen momentan unterschiedliche Genauigkeitsstufen vermischen.
A24 hat einen Kinostart im Oktober 2026 angekündigt. Einzelne US-Publikationen nennen inzwischen auch den 16. Oktober. Für Deutschland ist daraus allerdings noch kein bestätigter Kinostart abzuleiten.
Aktuell gilt daher:
- Ein Kinorelease für Oktober 2026 wurde angekündigt.
- Ein eigener deutscher Kinostart wurde bislang nicht offiziell veröffentlicht.
- Auch ein deutscher Verleihtermin ist derzeit nicht bestätigt.
- Für Streaming gibt es noch keinen offiziell kommunizierten Starttermin.
Wer den Film in Deutschland sehen möchte, sollte eine konkrete US-Veröffentlichungsangabe deshalb nicht automatisch als deutschen Kinostart verstehen.
Warum „You Can See Everything“ mehr als die nächste Elizabeth-Holmes-Doku sein könnte
Die Theranos-Geschichte braucht eigentlich keine weitere Einführung. Gerade darin liegt das Risiko jedes neuen Films über Holmes: Er könnte lediglich bekannte Ereignisse noch einmal erzählen.
„You Can See Everything“ scheint dieses Problem selbst zum Ausgangspunkt zu machen.
Nathan Fielder wusste bereits, welche Geschichte über Elizabeth Holmes erzählt worden war. Holmes wusste wiederum, welches Bild die Öffentlichkeit von ihr hatte. Beide Seiten betraten die Dreharbeiten also mit einem enormen Vorwissen übereinander.
Hinzu kommt Lance Oppenheim, der mit Dokumentarfilmen wie „Some Kind of Heaven“ und „Spermworld“ bereits Erfahrung darin hat, ungewöhnliche Milieus sehr nah zu beobachten.
Die Kombination aus Oppenheims dokumentarischem Blick und Fielders Interesse an Inszenierung, Verhalten und Manipulation könnte deshalb der eigentliche Grund sein, warum A24 den Film so lange unter Verschluss hielt.
Am Ende dürfte „You Can See Everything“ weniger die Frage beantworten, wer Elizabeth Holmes ist, als zeigen, wie schwierig es ist, diese Frage überhaupt zuverlässig zu beantworten.
Was jetzt noch offen ist
Nach der überraschenden Telluride-Premiere ist das Geheimnis um die Existenz des Films gelöst. Mehrere praktische Fragen bleiben aber offen.
- Wann genau beginnt die internationale Kinoauswertung?
- Kommt „You Can See Everything“ regulär in deutsche Kinos?
- Welcher Anbieter übernimmt später das Streaming?
- Wie stark unterscheidet sich der fertige Film von einer klassischen Dokumentation?
Bis A24 weitere internationale Termine veröffentlicht, lässt sich vor allem eines sicher sagen: Aus einem geheimen Dreh über Elizabeth Holmes ist ein 174 Minuten langer A24-Film geworden, für dessen Weltpremiere Telluride sogar den Filmtitel vor dem Publikum versteckte.
Und bei einem Nathan-Fielder-Projekt könnte genau das erst der Anfang der Überraschungen sein.
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